Die Hutfabrik in Wershofen

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Hüte sind auffallend, extravagant oder einfach nur praktisch. Vor rund 100 Jahren gehörten sie sogar noch zum guten Ton, waren ein Muss und verrieten etwas über den Träger. Seit genau 100 Jahren gibt es auch die Hutfabrik Wilhelm Diefenthal. Die begann ihre Firmentradition zwar in Köln, doch am mittlerweile letzten Standort in Wershofen weiß man genau, was an modischen Accessoires angesagt ist.

Gert Diefenthal

Heutzutage ist er nur noch schmückendes Beiwerk oder modisches Accessoire. Doch vor 100 Jahren wagte sich kaum ein Dame ohne Hut auf die Straße, kein Herr ließ sich ohne Kopfbedeckung blicken. Es gehörte zum guten Ton den Hut vor jemandem zu ziehen oder mit ihm zu zeigen, zu was man es gebracht hatte.
Hutfabriken ging es damals gut. Die Auftragsbücher waren gefüllt. Mittlerweile gibt es in Deutschland jedoch nur noch wenige der einst großen Unternehmen. Von den verbliebenen steht eines allerdings im etwa 900 Einwohner zählenden Wershofen. Und die kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Denn vor genau 100 Jahren wurde das Familienunternehmen gegründet. Amtlich eingetragen als Fabrikationsgeschäft für Hüte, damals noch in der Schildergasse in Köln, mauserte sich das Unternehmen rasch zu einem großen Arbeitgeber mit rund 100 Angestellten – und das trotz des Ersten Weltkriegs und der Wirtschaftskrise und Inflation Ende der 1920er-Jahre.
Während des Zweiten Weltkriegs traf es die Hutfabrik allerdings schwer. Zwei mal wurden die Produktionsanlagen völlig zerstört. Die Diefenthals ließen sich jedoch nicht unterkriegen. Vielmehr folgte die Verlagerung nach Hamm an der Sieg, bevor in Köln eine neue, moderne Hutfabrik aufgebaut wurde.
Nach 1945 und während der Wirtschaftswunderjahre liefen die Geschäfte wieder. Jeder wollte gut behütet sein. 1960 wurde das Zweigwerk in Wershofen aufgebaut, 1963 und 1966 folgten die Produktionsstätten in Paris und Mettendorf. Rund 350 Mitarbeiter waren in den Glanzzeiten beschäftigt. Doch Ende der 60er-Jahre folgte die Wende. Hüte waren nicht mehr das Modeaccessoire, das den feinen Herrn oder die Dame ausmachte. Die Wirtschaft lahmte und trug ihren Teil dazu bei, dass sich die Hutproduktion von nun an auf Wershofen konzentrierte. Die schlimmste Folge: Die Zweigwerke und der Hauptsitz in Köln wurden geschlossen. „Außerdem mussten wir rigoros Stellen abbauen“, erzählt Junior-Chefin Pia Diefenthal.
Mittlerweile hat sich das Geschäft der Unternehmersfamilie grundlegend gewandelt – auch wenn sich nach wie vor fast alles um Kopfbedeckungen dreht. Produziert wird in Wershofen dennoch nicht mehr. Vor sechs Jahren wurde die letzten Maschine endgültig abgeschaltet. Für Wehmut sorgt das ein wenig bei der 31-jährigen Juniorchefin, die gerne wieder in der Eifel produzieren würde. „Doch das rechnet sich nicht.“
Was sich hingegen rechnet, ist der Handel mit Mützen, Schals, Handschuhen und Taschen. Inhaber Gert Diefenthal war es, der Anfang der 80er-Jahre Kontakte nach Fernost knüpfte. Hongkong und China waren damals die Ziele, wo er die Weichen für das heutige Geschäft stellte. Die Fertigung wurde im Lauf der Jahre zunehmend in die Volksrepublik verlagert. Wershofen wurde zum Lager und zur Versandstelle.
Heute ist der Ort in der Eifel für die Hutfabrik Wilhelm Diefenthal & Sohn Dreh- und Angelpunkt in Sachen Vertrieb und Gestaltung der Kollektionen. Insgesamt fünf Angestellte sorgen für den reibungslosen Ablauf. Wie viele Mützen, Handtaschen oder Schals hier pro Jahr umgeschlagen werden, verrät Pia Diefenthal allerdings nicht. Schließlich gebe es in Deutschland nur noch etwa eine handvoll Hutfabriken oder Händler in der Größe des familiengeführten Unternehmens. „Da schaut die Konkurrenz genau, was der andere macht oder erzählt.“
Trotz der fehlenden Produktionsstätte wird es den Diefenthals nicht langweilig. Die Junior-Chefin beispielsweise ist rund zweieinhalb Monate im Jahr unterwegs. In Paris, Mailand und London spürt sie neue Trends auf oder überzeugt sich in China von der richtigen Umsetzung der Kreationen. Außerdem stellt die Jungunternehmerin zusammen mit ihrem Vater Gert die jeweilige Kollektion zusammen, kreiert Formen und feilt an Details. Zeit fürs Privatleben bleibt da nicht. Doch Pia Diefenthal hat so viel Spaß an ihrem Beruf, dass er für sie gleichzeitig Hobby ist – auch wenn in Wershofen schon lange keine Hüte mehr produziert werden.

Autor: Jan Zawadil
Hüte und Mützen
Wilhelm, Diefenthal & Sohn GmbH & Co KG,
Gert, Diefenthal

53520 Wershofen
Nordstr. 14

Tel.: (02694) 415
Fax: (02694) 556
Die Junior-Chefin Pia Diefenthal

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